Kanonen & Spatzen

13. April 2020 – Liebes Tagebuch

4.396 Tage im Leben von Nico Wolf

Ausblick aus dem Büro von Nico Wolf auf den Harburger Binnenhafen
In 4.396 Tagen vom Agenturleben in Berlin-Mitte über die Couch im Wohnzimmer meiner Schwester bis zum ersten eigenen Büro im Harburger Binnenhafen – mit direktem Blick auf die Elbphilharmonie.

Lesen Sie Biografien? Ich hatte nie einen Limonadenstand; aber der kleine Nico Wolf verkaufte tatsächlich schon im zarten Alter von elf Jahren selbstgemachte Comichefte für einen Stückpreis von 20 Pfennig an seine Freunde. Als wäre das nicht genug für einen szenischen Einstieg in die Selbstdarstellung als geborener Kapit… Unternehmer, hatte der etwas größere Nico Wolf bereits einen ersten Computer und machte damit seine ersten Gehversuche in der Programmiersprache BASIC.

Nico Wolf, der geborene Tech-Unternehmer!

Obwohl beides sachlich richtig ist, war die Wahrheit natürlich weniger heroisch: Bei den Comicheften handelte es sich um in der Mitte gefaltete DIN A4-Blätter, die ich mangels Kopierer mehrmals zeichnen musste. Was den frühen Einstieg ins Programmiererdasein angeht: Es war die Zeit von MS-DOS. Die damaligen Möglichkeiten, irgendetwas mit dem Rechner anzufangen (außer eben in BASIC herumzutüfteln), waren ebenso beschränkt wie die Ergebnisse: Der Zenit meiner damaligen Tüftelei bestand darin, im Computerspiel „Nibbles“ (eine Version des besser bekannten „Snake“) die Farbe der Schlange zu verändern. Sobald meine Ambitionen größer wurden, funktionierte das Spiel einfach gar nicht mehr.

All das ist jedoch deutlich länger her als 4.396 Tage – und ich habe nicht vor, eine Biografie zu schreiben. Die Geschichte, wie es dazu kommen konnte, dass Sie hier und heute diesen Text lesen, die beginnt im Jahr 2008.

Es war einmal in Berlin

Nach einem Design-Studium und einem ersten Praktikum (beides in meiner Geburtsstadt Hamburg) begann am 1. April 2008 mein zweites Praktikum in der Berliner Agentur KircherBurkhardt (heute C3). Von diesem Zeitpunkt an ging es recht schnell bergauf: Schon vor dem regulären Ende meines Praktikums wechselte ich die Abteilung und arbeitete fortan für die Mitarbeiterzeitung der Deutschen Bahn. Wieder nicht allzu lange, denn einige Monate später wechselte ich erneut die Front zum Magazin der Bundeswehr. Von wo aus ich dann (inzwischen als Senior Art Director) die Betreuung der damals in neun Sprachen erscheinenden Mitarbeiterzeitung der Robert Bosch GmbH übernahm und angehende Mediengestalterinnen und Mediengestalter ausbildete.

Fällt Ihnen etwas auf? Richtig: Bis hierher waren das alles Drucksachen und die Zukunft von Printmedien war schon damals zweifelhaft. Also wechselte ich im Jahr 2013 nicht nur die Agentur, sondern auch meinen Arbeitsschwerpunkt: Als Art Director Digital betreute ich nun für die Agentur Nordsonne Identity Website-Entwicklungen für Unternehmen und Institutionen wie die Dussmann Group, Kursana oder die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Fällt Ihnen etwas auf? Richtig: Obwohl die neue Agentur deutlich kleiner war als die vorherige, blieben die Kunden recht groß. Natürlich gab es zwischendurch auch vereinzelt kleinere Projekte. Aber von den Unternehmen, für die ich in diesen acht Agenturjahren wirklich viel gearbeitet habe, war Kursana mit über 6.000 Beschäftigten das kleinste und die Robert Bosch GmbH mit über 400.000 Beschäftigten das größte.

Zwischen den Zeilen erahnen Sie schon, dass ich Ihnen hier genau so wenig einen Top-Lebenslauf verkaufen möchte, wie weiter oben den geborenen Tech-Unternehmer.

Weder meine damaligen Kolleginnen und Kollegen, noch meine Gegenüber in den genannten Unternehmen konnten etwas dafür, aber am Ende meiner Agenturkarriere war der Sonntag für mich schon morgens gelaufen – weil morgen wieder Montag ist.

Nico Wolf als Bootstrapper

Also habe ich meinen Agenturjob im Frühjahr 2016 an den Nagel gehängt, bin zurück nach Hamburg gezogen und habe mich selbstständig gemacht. Mangels Ersparnissen begann ich damit (noch so ein Klischeebild, aber es war wirklich so) auf der Couch im Haus meiner Schwester – Bootstrapping in Reinform. Nach kurzer Zeit bin ich im Hamburger betahaus gelandet und habe dort in den folgenden Jahren Websites für die unterschiedlichsten Kunden entwickelt.

Portrait von Nico Wolf, dem Gründer und Geschäftsführer von Kanonen & Spatzen
Nico Wolf mit seiner vollständigen Büro- und Geschäftsausstattung im Jahr 2016: Einem Laptop.

So entstanden zum Beispiel die Websites der Kleinhempel GmbH, des Vereins Weiterbildung Hamburg, des IT-Dienstleisters Riesenbeck IT-Lösungen, des Beraters Prof. Scheidel, des Vereins KMM Netzwerk, der Buchhandlung am Sand und der Pension Sonntag, bei denen ich für den ganzen Prozess vom Konzept übers Design bis hin zur Entwicklung verantwortlich war.

Für die zweisprachige Website der Ausstellung Designing in Dialogue (Englisch und Farsi) und die Websites des Designbüros wibberenz’design sowie der Architekten Hillmer und Richter war ich als Entwickler an Bord. Das jeweilige Design stammt aus den Federn von wibberenz’design oder Hendrik Sichler. Nach einem Design von Mario Sypel entwickelte ich die Website der Band Gooseflesh. Gemeinsam mit Lena Winkel entstand wiederum die Website der Beratungsboutique Nielsen+Partner.

Aus dem Freelancer Nico Wolf wird das Unternehmen Kanonen & Spatzen

Nun, nach einigen Monaten Elternzeit (die das Coronavirus gerade außerplanmäßig verlängert, aber das ist eine andere Geschichte) bin ich also seit über vier Jahren selbstständig. Und wir kommen endlich zur Antwort auf die Frage, warum Sie hier und heute diesen Text lesen: Was als Freelancer-Dasein auf der Couch meiner Schwester begann, ist inzwischen zu einem richtigen kleinen Unternehmen mit Handelsregistereintrag, eigenem Büro im Harburger Binnenhafen und vor allem: treuen Kunden herangewachsen. Zur Kanonen & Spatzen UG (haftungsbeschränkt) – mit Nico Wolf als Gründer, Geschäftsführer und Maschinenraum des Unternehmens.

Und derselbe Nico Wolf, oben noch Absätze lang jammernd, hat mit Montagen plötzlich kein Problem mehr.

Es hat herzlich wenig mit jahrzehntealten Comicheften zu tun, aber mein Herz schlägt offenbar wirklich für das Unternehmerdasein. Natürlich waren die Monate vor den ersten Umsätzen nicht immer lustig und auch der selbstgewählte Weg, anfangs selbst den allerletzten Kassenbon eigenhändig zu verbuchen, war bisweilen steinig. Aber es hat funktioniert und die Vorstellung, nochmal als Angestellter tagtäglich dasselbe tun zu müssen, nur weil ich das zufällig einmal gelernt habe, erscheint mir heute völlig absurd.

Ich habe Meetings über Meetings gegen viel, viel kleinere Brötchen getauscht. Statt aufwändigen Konzern-Projekten, die sich mitunter über Jahre streckten, habe ich bis zum Beginn meiner Elternzeit im vergangenen Herbst 18 neue Kunden-Websites entwickelt und unzählige kleinere Support-Jobs übernommen. Von gehackten Websites über interaktive Lagepläne bis hin zur Newsletter-Anpassung für einen Ein-Frau-WooCommerce-Shop mit sechsstelligem Umsatz.

Während dort, wo gerne von „spannenden Projekten für internationale Kunden“ fabuliert wird, in Wahrheit nur Budgets verwaltet werden, wird in meiner neuen Welt gemacht statt geredet. Ein großartiges Schlusswort für einen Blog-Beitrag mit fast 1.000 Worten, finden Sie nicht? In diesem Sinne:


Update vom 14. Mai 2020: Kanonen & Spatzen ist umgezogen